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100% reines Steviosid

Stevia Pflanzen (Honigkraut) sollen in Europa den Tabakanbau ersetzen

Deutsche Forscher bereiteten den landwirtschaftlichen Anbau einer Süßstoff liefernden Pflanze vor

Die Zukunft des Honigkrauts (Stevia rebaudiana) als Nutzpflanze in Europa ist noch nicht vollständig gesichert. Die Zulassungsverfahren bei der Europäischen Kommission laufen derzeit. "Aber in fünf bis zehn Jahren könnte es so weit sein", schätzt Udo Kienle. Koordiniert von der Universität Hohenheim, wurden unter Leitung von Dr. Kienle umfangreiche Versuche zur ersatzweisen Einführung der bis zu 60 Zentimeter hohen Staude für die europäischen Tabakbauern durchgeführt. Die Subventionen für den Tabakanbau sollen gestrichen werden, und da bietet sich als Alternative das tropische Kraut an, für das es noch keinen etablierten deutschen Namen gibt. Stevia rebaudiana, so die wissenschaftliche Bezeichnung, besitzt eine einzigartige Eigenschaft: Sie speichert Süßstoff in ihren Blättern. Die üblichen pflanzlichen Speicherstoffe sind Traubenzucker oder Stärke, aber beim Honigkraut ist es das relativ kompliziert aufgebaute Steviosid, für Chemiker ein Mitglied der großen Gruppe der Diterpene. Aus Steviosid kann der menschliche Körper keine Kalorien gewinnen, es ist ein echter Zucker-Ersatzstoff, den die Natur frei Haus liefert. Wegen der Süßkraft des Steviosids, die 300fach über der von Rohr- und Rübenzucker liegt, wird die Pflanze in vielen Teilen der Welt seit langem landwirtschaftlich angebaut. Bearbeitung und Ernte aber erfolgen traditionell mit viel Handarbeit. Das wäre für die von Industrialisierung geprägte Landwirtschaft Europas zu teuer, und deshalb musste ein maschinelles Ernteverfahren entwickelt werden - was den Hohenheimern auch gelungen ist. Einmal in den Boden gesetzt, lassen sich dieselben Pflanzen drei bis fünf Jahre lang nutzen. Bei jeder der pro Jahr möglichen drei Ernten werden nur die oberirdischen Pflanzenteile abgeschnitten, die Wurzel treibt anschließend wieder aus. Speziell die Kleinbauern in den Mittelmeerstaaten, die auf durchschnittlich 1,5 Hektar Land Tabak anpflanzen, können mit Steviosid Einkommen erzielen, die eine Subvention unnötig machen. Der einzige Haken sind jetzt noch Vorbehalte zur gesundheitlichen Unbedenklichkeit des Süßstoffs. Zwar gibt es dazu bereits eine Reihe von Untersuchungen, aber die entsprechen nicht den europäischen Standards. Doch Udo Kienle zweifelt nicht daran, dass der Nachweis der Unbedenklichkeit gelingen wird und führt zur Begründung an: "Schätzungsweise 100 Millionen Menschen konsumieren schon heute täglich Steviosid - in Japan bereits seit 30 Jahren. Gesundheitsprobleme sind bis heute nicht bekannt geworden." So dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis das im Nordosten Paraguays heimische Honigkraut eine europäische Nutzpflanze wird. In ihrer Heimat steht Stevia auf sehr nährstoffarmen Sandböden und das, so vermutet Dr. Kienle, ist der Grund, warum sie während ihres vegetativen Wachstums viel Speicherstoff in Form von Steviosid anhäuft, den sie dann für die Blüten- und Fruchtbildung wieder verbraucht.[Quelle:Von Rolf H. Latusseck 30. Juni 2002]

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